Das Labyrinth der Wörter.

31 Jul

Marie-Sabine Roger
Das Labyrinth der Wörter

223 Seiten
dtv, 1. April 2011
Flexibler Einband

ISBN: 9783423212847

Germain Chaze ist 45 Jahre alt, üppig gebaut und nicht besonders gebildet. Zu seiner Mutter hat er von klein auf ein miserables Verhältnis, weshalb für ihn die Liebe lange Zeit nur ein abstrakter Begriff ist. Als er eines Tages auf einer Parkbank die gebrechliche, alte Dame Margueritte kennen lernt, ändert sich sein Leben schlagartig. Durch sie beginnt Germain sich für Bücher zu interessieren und über sein Leben nachzudenken. Das Treffen auf der Parkbank wird bald zum gemeinsamen Ritual. Dann erzählen sich die beiden aus ihrem Leben, lesen ein Buch oder zählen Tauben. Aus der anfänglichen Sympathie wird bald eine tiefe Freundschaft, die man schlicht und einfach mit Liebe bezeichnen kann.

Wow – was für ein Buch! Hatte ich auf der ersten Seite noch meine Bedenken aufgrund der plumpen Ausdrucksweise des Ich-Erzählers, so waren diese spätestens nach Seite 2 oder 3 verflogen. Dieser Roman ist so zauberhaft und leicht. Es fällt mir schwer meinen Eindruck in Worte zu fassen. Ich habe das Lesen einfach genossen.
Der Protagonist Germain Chazes ist eine so liebenswerte Person, die man einfach ins Herz schließen muss. Auf den ersten Blick wirkt er unwissend und dümmlich, doch im Verlauf der Geschichte entwickelt er sich weiter. Er fängt an sein Leben zu reflektieren und zieht dabei naiv formulierte Schlüsse, die trotzdem die Wahrheit widerspiegeln. So sagt Germain auf Seite 120 über die Liebe folgendes:

Und – das nur nebenbei gesagt, für diejenigen, die die Erfahrung noch nicht selbst gemacht haben – der Unterschied ist ganz leicht zu erkennen: Wenn man liebt, dann bekommen die Dinge eine weniger komische Seite. Eine ernste Seite sogar. Man denkt an den anderen, und auf einmal wird einem ganz schummrig und man sagt sich: „Mannomann!“

Kurz darauf fand ich noch ein hübsches Zitat über das Glück, das man so in der Art sicherlich schon einmal gehört hat, aber Germain hat einfach diese putzige Ausdrucksweise, bedingt durch seinen geringen Wortschatz, welche sich durch den ganzen Roman zieht. Seine Gedanken zum Glück auf Seite 125 klingen wie folgt:

Wenn immer alles einfach wäre, gäbe es dann überhaupt noch Glück? Es muss entweder wie ein Geschenk vom Himmel fallen oder hart erarbeitet werden, denn wenn es nicht mehr selten oder teuer wäre, dann wäre ja der ganze Reiz weg.

Und genau diese naive Erzählweise war es, die mich immer wieder zum Schmunzeln gebracht hat. Im Gegensatz dazu steht Margueritte. Sie ist 86 Jahre, studiert und hat unheimlich viel Lebenserfahrung gesammelt, die sie nun mit Germain teilt. Im Gegensatz zu anderen Menschen, behandelt Margueritte ihn ebenbürtig und erkennt trotz all seiner Schwächen auch seine Stärken. Die beiden sind wie Enkel und Großmutter und bald füreinander unersetzlich. Während Germain nie Interesse und Zuneigung von seiner Mutter bekam, hatte Margueritte nie Kinder. Somit lernen beide eine ganz neue Seiten im Leben kennen.

Mit seinen nur 224 Seiten ist dieses Buch recht kurz und durch die leichte Erzählweise von Germain und die vielen Dialoge wirkt es noch kurzweiliger. Aber das passt. Der Ich-Erzähler bildet einfache und kurze Sätze, in die er jedoch regelmäßig Fremdwörter einbaut, die er im Wörterbuch vorgefunden hat. Dazu fügt er auch die entsprechenden Erklärungen an. Diese Idee der Autorin finde ich ganz besonders charmant. Natürlich sind dem Leser die meisten dieser Worte geläufig, dennoch bietet die Erklärung eine schöne Ergänzung und dient zur Selbstüberprüfung. So habe ich nicht nur eine wunderbare Geschichte gelesen, sondern auch eine Vielzahl von Synonymen kennen gelernt.

Fazit:
Das Labyrinth der Wörter von Marie-Sabine Roger ist ein wirklich zauberhaftes Buch, dass mich sofort in seinen Bann gezogen hat. Es besticht durch seine liebenswerten Charaktere und die drollige, aber fantasievolle, Erzählweise. Für mich ist es eines der besten Bücher, dass ich seit langem gelesen habe. Ein Platz unter meinen Lieblingen ist garantiert – deshalb kann ich nur jedem dieses Buch empfehlen!

Bewertung:

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