Das Labyrinth der träumenden Bücher.

23 Okt

Walter Moers
Das Labyrinth der träumenden Bücher

432 Seiten
Knaus A., 5. Oktober 2011
Hardcover

ISBN: 9783813503937

200 Jahre sind vergangen seitdem Hildegunst von Mythenmetz das letzte Mal in Buchhaim war, in die Katakomben der Stadt verschleppt wurde und der Schattenkönig fast alles niedergebrannt hat. Seitdem hat sich viel getan. Buchhaim wurde wieder aufgebaut und hat den einstigen Glanz wieder erlangt. Ganz im Gegensatz zu Hildegunst, der mittlerweile zu den erfolgreichsten Autoren Zamoniens zählt. Sein Erfolg ist ihm zu Kopf gestiegen, er wird immer fetter, arroganter und aalt sich in den Lobeshymnen seiner Bewunderer. Ein wirklich gutes Buch hat er schon lange nicht mehr geschrieben – das Orm hat ihn verlassen. Als ihn eines Tages ein seltsamer Brief auf der Lindwurmfeste erreicht, der eine Parodie seines Schreibstils darstellt und einen Verweis auf Buchhaim enthält, beschließt Mythenmetz aus der Lethargie auszubrechen. Er will sein Leben neu beginnen und zu seinen literarischen Wurzeln aufbrechen – zurück in die Stadt der träumenden Bücher.

„Das Labyrinth der träumenden Bücher“ ist der Nachfolgeroman von „Die Stadt der träumenden Bücher“ und baut natürlich auf dessen Geschehnissen auf. Doch Moers hält sich (zunächst!) nicht mit einer langwierigen Wiederholung der Ereignisse auf. Stattdessen erfährt der Leser, was aus Hildegunst von Mythenmetz geworden ist – ein dicker, fauler Lindwurm, der den Sinn für die Realität verloren hat. Doch trotz dieser Veränderung ist er irgendwie noch der alte – ein Hypochonder durch und durch. Moers Beschreibung des Protagonisten ist voll Ironie. Zuerst kam mir der Gedanke, dass er sich damit vielleicht selber etwas auf die Schippe nimmt. Doch irgendwie wollen der publikumsnahe Lindwurm und der öffentlichkeitsscheue Walter Moers nicht so richtig zusammen passen. Meint Moers damit vielleicht einen Kollegen oder ist es nur eine allgemeine Analyse menschlicher Schwächen? Vielleicht ist es auch eine Mischung aus allem, die Beschreibung ist jedenfalls sehr gelungen.

In Buchhaim angekommen, schildert uns der Protagonist detailliert wie die Stadt mittlerweile aussieht. Dazu nutzt er die vom ihm erfundene Technik der „Mythenmetzschen Mentalmalerei“. Dabei wird ein Bild, welches sich in die Gedankenwelt des Lindwurms gebrannt hat, detailgetreu wiedergegeben. Eine sehr originelle Idee, aber für meinen Geschmack waren die Beschreibungen teilweise zu langatmig. Aber dann geht es los – wir dringen zusammen mit Hildegunst tiefer in die Stadt hinein. Wir treffen auf einen alten Bekannten, der ebenfalls von der Lindwurmfeste stammt. Er führt uns in die neue Gesellschaft der Stadt ein. Was früher die Buchimisten waren, sind heute die Biblio-was-auch-immer. Der Biblionismus hat die Bewohner ergriffen – vom Biblioten über den Biblioklepten, vom Bibliomanen bis hin zum Bibliozisten – alles ist irgendwie Biblio und das ist cool. Eine ganze Gesellschaft, die durch die Liebe (in manchen Fällen auch aus Hass) zum Buch bestimmt wird, eine fantastische Vorstellung.
Ein weiterer neuer Trend, der die Straßen von Buchhaim überflutet, ist der Puppettismus. Er spielt im weiteren Verlauf der Geschichte eine zentrale Rolle. Hildegunsts Begeisterung für diese neue Kunstform artet an einigen Stellen aus. Ja er schafft es den Leser zu langweilen. Doch als Liebhaber Mythenmetzscher Werke ist man derlei Abschweifungen ja schon gewohnt. Sind sie doch eine von ihm erfundene Erzählform.

Wie aus „Die Stadt der träumenden Bücher“ gewohnt, gibt es auch in diesem Buch wieder eine Vielzahl von Anagrammen. Die Namen bekannter Autoren, Bücher und Komponisten werden von Moers durcheinander gewirbelt und neu zusammengesetzt. Das Ergebnis sind witzige Wortneuschöpfungen. Wer sich ein bisschen in der Welt auskennt, wird durch den Kontext sicher schnell die meisten Namen erraten, aber es gibt auch einige sehr knifflige Fälle. Auf jeden Fall macht es großen Spaß während des Lesens mit zu rätseln und die Anspielungen zu deuten.

Ich weiß, dass dieses Buch heiß diskutiert ist und die unterschiedlichsten Meinungen hervorruft. Die einen sind total enttäuscht, andere total begeistert. Die Enttäuschung kommt wohl vor allem daher, weil vorher nicht bekannt gegeben wurde, dass es sich um einen Zweitteiler handelt. Ich kann diese Enttäuschung nicht ganz nachvollziehen, denn die Vorfreude über einen neues Zamonienbuch überwiegt. „Das Labyrinth der träumenden Bücher“ war in meinen Augen eine gelungene Ouvertüre, die eine sehr vielversprechende Fortsetzung erwarten lässt.
Ich weiß nicht ob meine Fantasie mit mir durchgeht oder Moers wirklich so ein Genie ist, aber fast habe ich den Eindruck, dass er es so gewollt hat. Die Emotionen im Leser aufkochen lassen. Der Schlussstrich ist im aktuellen Buch sehr clever gesetzt. Jetzt will man doch unbedingt weiter lesen. Und wundert es noch jemanden, dass ein Buch von Mythenmetz, den zwischenzeitlich das Orm verlassen hat, an manchen Stellen etwas zu ausschweifend wird? Lesen wir hier nicht gerade das, was von dem anfangs beschriebenen Mythenmetz zu erwarten war? Und trotzdem ist er wortgewaltig, schreibt abwechslungsreich und detailliert.
Mir jedenfalls hat dieses Buch über sehr weite Teile viel Spaß gemacht. So viel Fantasie, Wortwitz und Ironie, so viele Seitenhiebe und Anspielungen – eben doch ein typischer Moers!

Bewertung:

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