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Spur der Flammen.

28 Jan

Barbara Wood
Spur der Flammen

Flexibler Einband: 496 Seiten
Erschienen bei Fischer Taschenbuch, 01.11.2011
ISBN 9783596192878
9,99 €
Genre: Gegenwartsliteratur

Nachdem Professor Masters bei einem scheinbaren Unfall schwer verletzt wird, lässt er die Ägyptologin Candice Amstrong an sein Krankenbett rufen. Sie soll für ihn den Stern von Babylon ausfindig machen und bergen. Dabei steht ihr der Sohn des Professors zur Seite – der Polizist Glenn Masters. Von Anfang an verbindet die beiden eine heimliche Leidenschaft füreinander, die sie jedoch bei der aufregenden Suche nach dem Stern von Babylon zurückdrängen müssen.

Spur der Flammen war mein erstes Buch von Barbara Wood. Als ich es in den Händen hielt, kam mir gleich in den Sinn: „Das ist doch diese Schmunzettenschreiberin?!“ Derartige Literatur ist im Allgemeinen so gar nichts für mich. Kitsch und romantische Klischees schrecken mich ab. Dennoch wollte ich dem Buch eine Chance geben, denn der Klappentext klang so gar nicht nach Romantik und Kitsch. Viel mehr hörte es sich nach einem spannenden Thriller mit historischen Einflüssen an. Und das war es ja dann auch – irgendwie.

Die Geschichte beginnt zunächst recht vielversprechend, auch wenn bereits im Prolog der erste große Kitsch auf mich wartete:

“ Liebste, die Bücher sind kostbarer als mein armseliges Leben. Wir werden dereinst im Licht wieder vereint sein.“

Diesen Schmalz habe ich noch gutmütig hingenommen und bin in die eigentliche Geschichte eingestiegen. Dabei treffen wir die gescheiterte Ägyptologin Candice Amstrong, die zu allem Überfluss auch noch mit der Männerwelt angeschlossen hat. Wie gut trifft es sich da, dass sie am Sterbebett ihres Mentors Glenn kennenlernt, der so unheimlich stark und attraktiv wirkt. Kurz nachdem Candice dem Professor versprochen hat die Suche nach dem Stern von Babylon fortzusetzen, stirbt dieser. Zusammen mit Glenn beginnt sie zu forschen, doch nicht ungehindert. Noch jemand scheint großes Interesse an dem Stern zu haben. Es kommt zu Überfällen, Mord und allerlei anderem Wahnsinn. Aber egal wie brenzlig die Situation auch ist, es öffnet sich immer wieder ganz zufällig ein Türchen, dass unsere Protagonisten davon kommen lässt. Die klugen Köpfe unter euch können sogar jetzt schon raten, ob es ein Happy-End geben wird. Ich verrate es nicht ;)

Was die Handlung immer noch einigermaßen auf den Boden der Tatsachen geholt hat, waren Einschübe aus der Vergangenheit, welche die Geschichte des Geheimbundes, der eine ganz zentrale Rolle spielt, beschreiben. Das Ende ist aber dann so absurd und unglaubwürdig, dass auch das letzte Fünkchen Authentizität verloren geht. Da hilft auch nicht der einfache, aber angenehme Schreibstil von Barbara Wood, der zumindest einen gewissen Lesespaß bereitet. Das Buch liest sich allgemein sehr flüssig. Ich habe mich nicht mal gelangweilt. Nur mit dem Kopf habe ich geschüttelt. Mehr fiel mir auch nicht zu dem Cover ein. Es ist an sich nicht schlecht, aber ich weiß leider bis heute nicht, was die Frau im Blümchenkleid am Strand mit der eigentlichen Handlung zu tun hat. Das Cover lässt auf einen ganz anderen Inhalt schließen.

Fazit:
Spur der Flammen von Barbara Wood ist ein völlig überladener, verworrener und kitschiger Roman, der wohl den Anschein eines Thrillers erwecken soll, dabei aber auf halber Strecke scheitert. Mit guten Gewissen kann ich dieses Buch niemanden empfehlen!

Bewertung:

Die Reise des Elefanten.

21 Jan

José Saramago
Die Reise des Elefanten

Fester Einband: 235 Seiten
Erschienen bei Hoffmann und Campe, 29.06.2010
ISBN 9783455402797
19,95€
Genre: Gegenwartsliteratur

Portugal im 16. Jahrhundert: Der Elefant Salomon und sein Mahut Subhro führen ein unscheinbares Leben am portugieischen Königshof, bis eines Tages Johann III. und seine Gemahlin Katharina von Kastilien auf die Idee kommen, ihrem Vetter Erzherzog Maximilian von Wien den Elefant zum Geschenk zu machen. Für das exotische Tier und seinen Hüter beginnt eine turbulente Reise quer durch Europa, bei dem der Autor auf wunderbare Weise Fiktion und Realität miteinander verknüpft.

„Die Vergangenheit ist eine riesige Steinwüste, die viele am liebsten wie auf einer Art Autobahn durchqueren, während andere geduldig von Stein zu Stein wandern und jeden einzelnen hochheben, weil sie wissen müssen, was sich darunter befindet.“

Die Reise des Elefanten vom verstorbenen Nobelpreisträger José Saramago beruht auf einer wahren Begebenheit, die sich wohl so oder so ähnlich zugetragen hat. Aber natürlich lässt es sich der Autor nicht nehmen, seine ganz eigenen Gedanken und Ideen hineinfließen zu lassen. Mit viel Ironie betrachtet er die verschiedenen Charaktere, die uns im Verlauf der Geschichte begegnen. Immer dabei sind natürlich der Elefant Salomon und sein indischer Pfleger, dessen offizielle Bezeichnung Mahut ist. Der Mahut ist ein durchtriebener Kerl, der sein Herz jedoch am rechten Fleck zu haben scheint. Er kümmert sich liebevoll um den gutmütigen und gefrässigen Elefanten.

Das Buch setzt eher auf die leisen Töne. Den Leser erwartet keine unheimlich spannende Geschichte, sondern eher eine kluge Aueinandersetzung mit der Geschichte und den menschlichen Schwächen. Humor kommt dabei nicht zu kurz. Allerdings gab es den ein oder anderen Abschnitt, der mich Zwang ein paar Zeilen zu überfliegen. Zu langatmig wurden die Ausführungen von Saramago.

„Im Grunde ist die Geschichte nicht nur selektiv, sondern auch vorurteilsbehaftet, denn sie entnimmt dem Leben nur das Material, das sie interessiert und das von der Gesellschaft als historisch erachtet wird, während sie den ganzen Rest, der vielleicht die wahre Erklärung für die Fakten und Dinge, für diese verdammte Realität liefern könnte, missachtet.“

In meinen Augen war José Saramago ein Philosoph, der es verstand seine klugen Weisheiten in seine Geschichten hineinzuweben. Sein Schreibstil ist gewohnt ausschweifend und anspruchsvoll, aber dennoch angenehm zu lesen.

Fazit:
Die Reise des Elefanten von José Saramago ist sprachlich gesehen ein weiteres Meisterwerk des Autors, allerdings konnte mich das Buch inhaltlich nicht völlig überzeugen. Einige Abschnitte waren mir zu ausschweifend. Dennoch verbirgt sich hinter diesem Werk eine originelle Idee und eine scharfe Analyse menschlicher Schwächen. Das Lesen lohnt sich auf jeden Fall.

Bewertung:

Kain.

7 Jan

José Saramago
Kain

Fester Einband: 176 Seiten
Erschienen bei Hoffmann und Campe, 01.08.2011
ISBN 9783455402957
19,99 €
Genre: Gegenwartsliteratur

„Die Geschichte der Menschheit ist die Geschichte ihrer Uneinigkeiten mit Gott, weder versteht er uns, noch verstehen wir ihn.“

Nachdem Gott Adam und Eva aus dem Paradies geworfen hat, bekommen die beiden 3 Söhne – Kain, Abel und Seth. Kain und Abel verstehen sich wunderbar, machen alles zusammen – sind ein unzertrennliches Paar, doch als Gott sich weigert ein Opfer von Kain anzuerkennen, wird der junge Hirte von seinem Bruder verspottet. Dafür muss Abel mit seinem Leben büßen. Gott ist entsetzt über Kains Kaltblütigkeit und bestraft ihn mit einem dunklen Mal auf der Stirn. Von nun an soll er auf der Welt umherirren. Und so geschieht es.

In diesem überaus gelungenen Buch des 2010 verstorbenen Nobelpreisträgers José Saramago begleiten wir Kain, den Sohn von Adam und Eva, quer durch das alte Testament. Egal ob der Turmbau zu Babel, die Zerstörung von Sodom und Gomorra, die Begegnungen mit Abraham, Hiob und Moses oder der Bau der Arche – Kain ist überall dabei. Und immer muss er merken, dass der ach so liebe Gott, kein besonders guter Kerl ist. Vielmehr ist er rachsüchtig und gewaltätig.

„[…] doch jetzt habe ich meine Zweifel, ob die Dinge so einfach sind, wahrscheinlich ist Satan lediglich ein Werkzeug des Herrn, damit beauftragt, die Drecksarbeiten zu erledigen, unter die Gott nicht seinen Namen setzen kann.“

Saramangos Schreibstil war im ersten Moment gewöhnungsbedürftig. Lange und komplexe Satzkonstruktionen sind seine absolute Stärke. Hat man sich aber erst einmal an diesen Stil gewöhnt, fällt es leicht dem Inhalt zu folgen. Und dieser Inhalt hat es in sich. Der Nobelpreisträger geht hart mit Gott ins Gericht. Voller Ironie und Boshaftigkeit berichtet aus dem alten Testament. Aus Gott und Abraham werden „Hurensöhne“, ein Soldat verliebt sich in einen Esel und irgendwie hat jeder Sex. Nicht umsonst löste dieses Buch bei seiner Veröffentlichung 2009 einen kleinen Skandal in Saramagos Heimatland Portugal aus. In unseren Breitengraden dürfte es jedoch recht locker bewertet werden.

„Wie alles haben auch Wörter ihr Was, Wie und Warum. Manche sind feierlich, sprechen uns mit pompösem Gehabe an, tun sich wichtig, als wären sie für Großes bestimmt, und dann stellt sich heraus, dass sie nicht mehr als ein leichtes Lüftchen waren, das keinen Mühlenflügel hätte in Bewegung setzen können, andere, gewöhnliche, übliche, alltägliche haben am Ende Folgen, die niemand vorauszusehen gewagt hätte, dafür waren sie nicht gemacht, und doch haben sie die Welt erschüttert.“

Fazit:
Kain von José Saramago ist eine bitterböse, zynische Abrechnung mit Gott und der Kirche, die auf so wunderbare Weise geschrieben wurde. Wirklich gläubige Menschen könnten mit diesem Buch ein Problem haben, alle anderen werden aber auf ihre Kosten kommen!

Bewertung:

Das Spiel des Engels.

15 Nov


Carlos Ruiz Zafon
Das Spiel des Engels

710 Seiten
Fischer Taschenbuch, 6. Juni 2011
Hardcover

ISBN: 9783596511815

„Um zu erreichen, was man sich vorgenommen hat, braucht man vor allem Ehrgeiz, dann Talent, Wissen und schließlich eine Chance.“

Barcelona zu Beginn des 20. Jahrhunderts: David Martin, dessen Kindheit von vielen Rückschlägen und einer ärmlichen Lebensweise geprägt war, schafft es sich als erfolgreicher Schriftsteller zu etablieren, zunächst jedoch unter einem Pseudonym. Durch das regelmäßige Einkommen kann er es sich leisten, das seltsame Haus mit dem Turm zu mieten, an dem er seit Jahren vorbei läuft. Doch irgendetwas scheint damit nicht zu stimmen. Und plötzlich taucht immer wieder dieser seltsame Verleger Andreas Corelli auf …

„Das Spiel des Engels“ von Carlos Riuz Zafón ist ein Buch voller Überraschungen, Abwechslung und Fantasie. Erzählt wird die Geschichte vom Protagonisten selbst. Er führt uns langsam in sein Leben ein und schildert detailliert seine bewegte Vergangenheit. Von der Mutter früh verlassen, bei seinem Vater aufwachsend, muss der kleine David schnell lernen auf eigenen Beinen zu stehen. Sein Vater diente über Jahre im Krieg und konnte nie richtig lesen. Ganz im Gegenteil zu seinem Sohn, der die Bücher nur so verschlingt. Durch die Arbeit des Vaters als Pförtner bei der „Stimme der Industrie“, einer Tageszeitung, kommt der Protagonist das erste Mal mit dem Schreiben in Kontakt. Nach dem Tod des Vaters ermöglicht es Davids Mentor Pedro Vidal, dass er wöchentlich eine Kurzgeschichte veröffentlichen darf. Davids Geschichten werden schnell ein Erfolg, was den Neid der anderen Mitarbeiter zum Vorschein bringt.

„Neid ist die Religion der Mittelmäßigen. Er stärkt sie, entspricht der sie zernagenden Unruhe, verdirbt letzten Endes ihre Seele und gestattet ihnen, die eigene Niedertracht und Gier zu rechtfertigen, bis sie glauben, diese seien Tugenden und die Himmelspforten stünden nur Unglücksraben wie ihnen offen, die durchs Leben ziehen, ohne eine weitere Spur zu hinterlassen als ihre hinterhältigen Bemühungen, all jene zu verachten, auszuschließen oder sogar, wenn möglich, zu vernichten, die durch ihre schiere Existenz ihre seelische und geistige Armut sowie ihre Unentschlossenheit bloßlegen. Selig der, den die Idioten anbellen, denn seine Seele wird ihnen nie gehören.“

Schließlich wird er gekündigt und schließt auf Raten seines Freundes Pedro einen Vertrag mit zwei geldgierigen Verlegern ab, die ihn fortan zwingen unter einem Pseudonym Groschenromane zu verfassen. Durch das geregelte Einkommen, kann er sich endlich das Haus mit dem Turm mieten, von dem er schon so lange träumt. Doch durch die Fließbandarbeit an den Romanen, verschlechtert sich sein gesundheitlicher Zustand immer mehr, bis er eines Tages auf den Verleger Andreas Corelli trifft. Von da an nimmt sein Leben eine dramatische Wende an.

Der Inhalt ließe sich noch lange weiter beschreiben, doch wer denkt, jetzt schon einen Großteil davon zu kennen, der täuscht sich. Dieses etwas über 700 Seiten lange Buch ist so voll von Inhalt. Gerade in Momenten, in denen man denkt: „So ist das also!“, kommt die nächste Überraschung um die Ecke. Dabei treffen so viele unterschiedliche Themen aufeinander – die Leidenschaft für die Literatur, Neid, Armut, Krankheit, Fantasie und Liebe.

„Wissen Sie, was das Beste ist an den gebrochenen Herzen? […] Dass sie nur ein einziges Mal wirklich brechen können. Alles andere sind bloß noch Kratzer.“

Die Liebe zur Literatur zieht sich durch das ganze Buch. Allein durch den Beruf des Protagonisten und seine regelmäßigen Besuche bei seinem Lieblingsbuchhändler Sempere ist die Literatur allgegenwärtig und das macht Spaß.

Gut gefielen mir auch die vielen verschiedenen Charaktere. Ganz besonders der eben genannte Buchhändler Sempere, dessen Liebe zu Büchern grenzenlos scheint, und die junge Isabella, die das Leben des Protagonisten mächtig auf den Kopf stellt. Während Sempere ein ruhiger, geselliger und warmherziger Mensch ist, besticht Isabella durch ihre Impulsivität und Schlagfertigkeit. Die Dialoge zwischen ihr und Martin waren immer ein Highlight. Man merkte schnell wer hier wen erzieht.

Auch der Schreibstil von Zafon ist sehr ansprechend. Wortgewandt und illustrativ erzählt er die Geschichte des jungen Autors. Der Spannungsbogen ist sehr dicht und dramatisch. Doch eines kann ich Zafon nicht verzeihen – das Ende!
Die ganze Zeit übersät er die Geschichte mit immer mehr Geheimnissen und Wendungen, doch zum Schluss lässt er den Leser alleine. Es gibt einfach keine Auflösung. Als ich mit dem Buch fertig war, hatte ich das Gefühl, dass Buch nicht verstanden zu haben. Dann habe ich ein Interview mit dem Autor gelesen und erfahren, dass das Ende gewollt offen bleibt. Es gab einfach nichts zu verstehen. Das heißt nicht, dass ich im Allgemeinen etwas gegen offene Enden habe, aber in diesem Fall habe ich mich ein wenig veräppelt gefühlt. Als würde man einem Krimi lesen und am Ende den Täter nicht erfahren, ganz ohne Andeutung. Das geht in meinen Augen nicht. Aber das ist sicherlich Geschmackssache.

„Sie brauchen sich Ihrer Angst nicht zu schämen, Angst zu haben ist ein Zeichen von gesunden Menschenverstand. Die Einzigen, die keine Angst haben, sind die hoffnungslosen Dummen. Das habe ich in einem Buch gelesen.“

Fazit:
„Das Spiel des Engels“ von Carlos Ruiz Zafon ist insgesamt betrachtet ein lesenswertes Buch, dass vor allem durch die Liebe zur Literatur und viel Spannung glänzt. Auch wenn mich das Ende nicht zufrieden stellen konnte, habe ich das Lesen doch sehr genossen.

Bewertung:

Sieben Minuten nach Mitternacht.

25 Okt

Patrick Ness | Siobhan Dowd
Sieben Minuten nach Mitternacht

216 Seiten
Goldmann, 1. August 2011
Hardcover

ISBN: 9783442312801

Der dreizehnjährige Conor O’Malley erwacht ständig aus demselben Alptraum. Er schwört sich nie jemanden davon zu erzählen. Nicht seiner Mutter, nicht seinem Vater und schon gar nicht seinen Schulkameraden. Eines Nachts scheint Conor von einem Alptraum in den nächsten zu geraten. Es ist 0:07 Uhr. Die alte Eibe, die oben auf dem Hügel auf dem Friedhof steht, erwacht zum Leben. Sie ist ein riesiges, hölzernes Etwas. Doch Conor hat keine Angst – nicht vor diesem Monster. Es ist ja eh nur ein Traum. Oder etwa nicht? Die folgenden Nächte wird der Junge wieder und wieder von der alten Eibe aufgesucht – immer sieben Minuten nach Mitternacht. Das Monster erzählt ihm drei Geschichten und verlangt als Gegenleistung Conors eigene Geschichte, seine ganz eigene Wahrheit. Doch wie mag diese aussehen?
„Sieben Minuten nach Mitternacht“ ist eigentlich die Geschichte der Autorin Siobhan Dowd, die leider 2007 ihrer Krebserkrankung erlag. Damals waren bereits Titel, Grundidee und Exposé des Werkes ausgearbeitet. Nach ihrem Tod fragte man den Journalisten und Autoren Patrick Ness, ob er den Roman vollenden würde. Er fühlte sich zunächst mit dieser Aufgabe überfordert, weil er sich nicht vorstellen konnte, das Buch im Sinne der Autorin zu beenden. Deshalb nutzte er das Angebot, um seine eigene Geschichte zu schreiben, die auf Dowds Idee basiert. Entstanden ist ein wundervolles Buch, welches sich mit dem Themen Tod, Angst und Familienbande auseinandersetzt.

Im Mittelpunkt der Geschichte steht der Schüler Conor O’Malley, der mit seiner krebskranken Mutter ein kleines Haus bewohnt. Conor ist mit seinen 12 Jahren bereits sehr selbstständig. Aber was bleibt ihm auch anderes übrig. 6 Jahre zuvor verließ der Vater wegen einer anderen Frau die Familie und wanderte nach Amerika aus. Seitdem haben die beiden nur noch sporadischen Kontakt.
Durch die Krebserkrankung der Mutter muss der Protagonist nun vermehrt ihre Aufgaben im Haushalt übernehmen. Aber er tut es gern.
Weniger Spaß bereitet ihm der tägliche Gang zur Schule. Seitdem alle über die Krankheit seiner Mutter Bescheid wissen, hat sich einiges verändert. Conor wird plötzlich mit Samthandschuhen angepackt. Jeder sorgt sich um sein wohl, dabei ist er nicht der Kranke. Er möchte so wie immer behandelt werden, aber das scheint unmöglich. Aus dieser Situation können wir viel lernen. Oft fällt es uns doch schwer mit Kranken, Behinderten oder dem Tod an sich umzugehen. Meistens wissen wir gar nicht, wie wir uns verhalten sollen. Natürlich möchte man nur das Beste für sich und die anderen. Dabei verkrampfen wir uns aber manchmal so stark, dass wir gar nicht merken, wie unpassend unser Verhalten ist.
Der Roman wird auf zwei Ebenen erzählt – bei Tag und bei Nacht. Am Tag erleben wir den Alltag des Jungen: das Zusammenleben mit seiner Mutter, die Allgegenwärtigkeit der Krankheit, den Zwist mit seiner Großmutter, den Schulalltag, den Ärger mit Mitschülern, die Einsamkeit. Nachts treffen wir auf das Monster und Conors Ängste. Erst scheinen diese Ängste undeutlich und verschwommen, aber mit der Zeit werden sie immer klarer.

Ein ganz besonderes Lob verdient die anspruchsvolle Aufmachung des Buches. In meinen Augen ist es ein kleines Kunstwerk. Die Materialien sind sehr hochwertig, genau wie die vielen Illustrationen, welche die Seiten zieren. Die Zeichnungen sind teilweise sehr abstrakt, manchmal aber auch detailverliebt. Sie sind in schwarz-weiß gehalten und passen somit perfekt zur Stimmung des Buches.

„Sieben Minuten nach Mitternacht“ von Siobhan Dowd und Patrick Ness ist ein schönes, aber auch trauriges Buch. Es ist fantasievoll, aber realistisch. Es geht unter die Haut und spendet doch Trost und Hoffnung. Fast wäre es so weit gewesen! Ich weine sonst nie beim Lesen, aber hier wäre fast die erste Träne gekullert und das sagt doch alles.